Die schlimmste Falle ist die Routine

Die schlimmste Falle ist die Routine. Meine Gedanken zu Terror, Krieg und den Anschlägen auf Manchester und London.

Ich hab' nachgedacht. Und bin zu keinem Ergebnis gekommen. Denn egal, was wir tun – wir sitzen in der Falle. Gefangen in Machtlosigkeit und Sprachlosigkeit. Und die allerschlimmste Falle: die Routine.

Ich sitze vor einem leeren Bildschirm. Weiß wie die Wand. Der blinkende Cursor schlägt seinen Rhythmus. Ich tippe die Überschrift in das kleine, rechteckige Feld. Will über meinen Sommerabend schreiben. Will euch wieder mal zeigen, wie wunderschön unsere Welt ist. Wie schön das scheinbar unbedeutende Maisfeld in dem Dorf sein kann, in dem man wohnt.

Auf den Bildern: Die goldene Stunde am Abend, alles glänzt, alles ist friedlich. Während wir Fotos machen, ziehen ein paar Läufer an uns vorbei. Sie drehen ihre Runden um das Maisfeld. Man grüßt sich. Alles ist wie immer.

Und ich fange an zu tippen. "Herrlich, diese Sommerabende", schreibe ich. Seelenfrieden, denke ich.

Parallel laufen die Nachrichten. Sie berichten von dem Anschlag auf Manchester. Ich horche auf. Nehme das ganze ruhig auf. Realisiere es. Es ist weit weg. Und doch trifft es mich. Mitten ins Herz. Kinder? Jugendliche? Ein Anschlag auf völlig unschuldige, junge und fröhliche Menschen? Ich kann es nicht glauben.

Was ich dann mache: Meinen Text löschen. Die wirren Zeilen, die ohnehin noch keinen Sinn ergaben, einfach wegradieren. Jetzt über meinen wunderschönen Abend zu schreiben, erscheint mir unpassend. Ich klappe den Laptop zu und schaue die Nachrichten. Fassungslos.

Mal wieder.

Zwei Tage später sind die Geschehnisse von Manchester nicht vergessen. Aber sie sind in den Hintergrund gerückt. Der Alltag geht weiter. Und so schlimm das auch ist: Man verbannt das Schreckliche aus seinem Kopf. Es trifft einen. Aber es betrifft einen nicht. Man schiebt es von sich und gewinnt Abstand.  Und wisst ihr was? Wir sind sehr gut darin geworden. Wir sind routiniert. Wissen, welche Knöpfe wir drücken müssen, um wieder in den Alltag zu finden. Wissen auch, wie wir zwar betroffen über das Thema philosophieren, unser Mitgefühl bekunden können, aber ohne dabei selbst emotional draufzugehen. Routine ist die schlimmste Falle. Und bei all den Anschlägen und Ereignissen der letzten Zeit, hab' ich vergessen, mitzuzählen.

Ans Bloggen konnte ich trotzdem nicht denken. Über Schönes berichten, während 22 Menschen vom Terror aus der Welt gerissen wurden? Nein. Tatsächlich hab' ich den Gedanken komplett auf's Eis gelegt. Schreiben ist für mich Gefühlssache. Wenn mir gefühlsmäßig nicht danach ist, dann funktioniert's nicht. Die schönen Bilder auf meiner Festplatte sollten also noch etwas warten. Und das war okay. Doch die Geschehnisse des Anschlags rückten aus meinem Fokus. Sie wurden "Geschichte", wurden "Vergangenes". Und man soll ja nach vorne sehen. Immer.


So stand ich also einige Tage später mit einer Freundin am Flughafen. Der schönste Trip des Jahres stand uns bevor: Unsere gemeinsame Harry-Potter-Reise in die englische Hauptstadt, die uns durch nichts in dieser Welt hätte verdorben werden können. Angst hatten wir keine. Zu keinem Zeitpunkt. Mulmig war es uns in überfüllten Bahnen oder großen Plätzen schon. Ausgestattet mit etwas Feingefühl für das Umgehen großer Menschenansammlungen, schlängelten wir uns durch London und erlebten einige glückliche Tage. Sehr glückliche Tage. Zu allem Überfluss hatten wir nämlich auch noch wunderschönes Wetter. In London. LONDON. Ohne Schirm.

Samstag hatten wir einen entspannten Abend. Ein gemütliches Essen. Ein leckerer Cocktail in einer Bar.

Während des Anschlags standen wir ausgelassen tanzend in der Nähe des Oxford Circus, wo wir auf geniale Straßenmusiker trafen. Die Stimmung war super, das Wetter perfekt, die Location traumhaft. Nur ein paar Straßen weiter war der Traum des perfekten Abends geplatzt. Dort wurden an diesem Abend einige Menschenleben aus dieser wunderschönen Stadt, dieser wunderschönen Welt gerissen.

Erfahren haben wir vom Anschlag durch die unzähligen Nachrichten von Freunden und Verwandten, die uns in diesem Moment erreichten. Zu dem Zeitpunkt war noch nicht klar, ob es sich um einen Unfall handelte. Für uns stand jedoch fest, dass wir umgehend die Rückfahrt in unser AirB'n'B antraten.

"Alles gut?" "Lebst du? Wir haben von dem Anschlag gehört." "Ich hoffe, euch geht's gut. Melde dich mal, damit ich weiß, dass alles in Ordnung ist." "Bist du noch in London? Geht es dir gut?"

Wenn du solche Nachrichten bekommst, dann realisierst du das Ausmaß.

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Hab' vergessen mitzuzählen

Die schlimmste Falle ist die Routine. Und wenn du dir bewusst wirst, wie sehr diese Ereignisse mittlerweile zu unserer Realität gehören, sich in unseren Alltag schummeln und unsere glücklichsten Tage zerstören, dann wirst du dir auch plötzlich darüber bewusst, wie selbstverständlich Anschläge, Terror & Krieg für uns geworden sind.

Die letzten Jahre verging kaum ein Monat ohne eine Schreckensnachricht. Manche von kleinerem, manche von größerem Ausmaß. Als ich mich vergangenes Wochenende während des Anschlages auf die Westminster Bridge und den Borough Market nur wenige Straßen entfernt aufhielt, wurde mir eines klar:

Ich hab' vergessen mitzuzählen. Weiß die Anschläge der vergangenen Zeit nicht mehr in eine chronologische Reihenfolge zu bringen. Kann die Taten den Ländern und Städten nicht mehr zuordnen. Ich hab vergessen mitzuzählen. Weiß nicht mehr, wie viele Menschen bei welcher Tat ihr Leben ließen. Kann nicht mal mehr rekonstruieren, in welcher Situation ich mich befand, als ich selbst die Nachrichten empfing. Die schlimmste Falle ist die Routine.

Und ich wünsche mir so sehr, dass wir uns alle dagegen wehren, diese Realität als unsere zu akzeptieren. Dass wir unsere glücklichen Zeiten genießen. Auf Festivals tanzen. Für die Liebe kämpfen und für den Frieden singen. Dass wir uns grüßen, wenn wir uns entgegen kommen und dass wir in der goldenen Stunde am Sommerabend baden, weil wir die Welt, in der wir leben, so sehr lieben. Ich wünsche mir, dass wir diese Sommerabende nutzen, um an die zu denken, die der Terror uns genommen hat. Ganz egal, ob es uns "nur" trifft oder betrifft. Ob es weit weg oder ganz nah geschieht.

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8 Comments

  • Reply
    Chrissy
    6. Juni 2017 at 10:04

    !

  • Reply
    Sarah
    7. Juni 2017 at 12:33

    Jojo,
    als ich die Überschrift gelesen habe, habe ich mit einem ganz anderen Blogpost gerechnet (nicht negativ sondern positiv gemeint!)Ich liebe deine Texte, in denen du deine Gedanken freien Lauf lässt.
    Dein Beitrag hat mich sehr berührt.♥

    Deine Bilder sind wunderschön, etwas ‚dunkler‘ als sonst…passend zum Content. Aber trotzdem wunderschön!

    Xx Sarah von
    http://www.wonderlandblog.de

    • Reply
      Jojo
      8. Juni 2017 at 15:32

      Hey Sarah, danke für die lieben Worte! Ich mag das auch so, zu schreiben, was ich denke. Das stimmt, die Bilder sind echt dunkler, jetzt wo du’s sagst! Aber gerade deshalb passen sie auch gut. Und trotzdem ist ja auf jedem Bild ein Fünkchen Licht im Dunklen. <3

  • Reply
    Katta
    13. Juni 2017 at 8:21

    Manchmal sind wir uns nicht desswen bewusst, dass das auch für uns persönlich hätte anders laufen können. Ich denke da jetzt nicht bewusst an Terror, sondern vielmehr, dass wir doch alle unser Leben genißen sollten und uns darauf rückbesinnen sollten, dass wir doch noch so viele Pläne haben und sie auch realisieren sollten!

    Allerliebste Grüße,
    HOLYKATTA

    • Reply
      Jojo
      17. Juni 2017 at 11:25

      Da hast du sowas von Recht. <3

  • Reply
    auroralife
    7. Juli 2017 at 15:12

    Hallo Jojo,
    ja, das ist echt krass, dein Post hat mich bewegt… Für mich ist diese Gewalt in der Welt noch nicht zur Routine geworden, ich versuche mich möglichst wenig durch dei Medien negativ beeinflusssen zu lassen und den Fokus auf Positives zu richten. Was da abgeht, kann ich nicht fassen und werde es auch nie für normal halten.
    Routine ist so und so, man kann mit eine guten und effektiven Routine sehr sehr viel gutes und erfolgreiches im Leben schaffen, aber ja, genauso sich an das schlechte gewöhnen… Liebe Grüße von Caro

    • Reply
      Jojo
      7. Juli 2017 at 16:47

      Ich freue mich, dass ich damit was in dir auslösen konnte. Das versuche ich auch. Aber manchmal ist es eben einfach schwierig, gerade bei dem, was momentan abgeht.
      Danke für dein tolles Feedback. Das inspiriert <3

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