Du entscheidest, wie du sein willst. Jeden Tag.

laceupwinter_web-31

"Das kann ich nicht. So bin ich nun mal nicht!" Ein Satz, den ich oft höre. Beinahe täglich. Ein Satz, den wir viel zu leichtfertigen akzeptieren und ihn viel zu gedankenlos auch in unser Repertoire der Floskeln aufnehmen, die uns dabei helfen, uns vor etwas abzuschirmen. "Moment mal", sage ich dann, "zu sagen, dass man etwas nicht kann, macht es längst nicht zu einer unumstößlichen Wahrheit. Du entscheidest schließlich, wie du sein willst. Jeden Tag."

Drei kurze Stories. 

Nummer eins.

Montagmorgen traf ich sie in der Uni. Vollbepackt mit ihrem Rucksack, einem Jutebeutel voller Büchern und ihrer Laptoptasche, balancierte sie im Bistro ein Käsebrötchen zur Kasse. Mit einer Hand kramte sie - recht verlegen - ein wenig Kleingeld aus ihrer Jackentasche, während sie krampfhaft versuchte, ihre Taschen nicht fallen zu lassen. Die Anstrengung war ihr ins Gesicht geschrieben. Und ein wenig: Die Verzweiflung über diese banale, doofe Alltagssituation. Als die freundliche Kassiererin ihr den Betrag nannte, fiel ihr prompt das gesamte Kleingeld aus der Hand. Die Schlange, die sich bereits hinter ihr an der Kasse gebildet hatte, stöhnte entnervt auf. "Sorry", murmelte sie - mehr in ihren Schal, als in die Menge.

Sie schämte sich, errötete und wirbelte verunsichert herum. Und als sich das Mädchen bückte, um die Münzen aufzusammeln, sah' ich mich selbst darin. Ich sah mich, wie ich exakt die gleiche Situation schon gefühlte dreihundertfünfzig Mal erlebt hatte. Irgendwie war das seltsam, sich dabei zu beobachten. Sein unsicheres Selbst zu betrachten und sich zu fragen, worin denn eigentlich das Problem besteht. Worin das Problem besteht, die Situation nicht ganz so ernst zu nehmen. Sich in dieser Sekunde einfach etwas lockerer zu verhalten, statt krampfhaft zu versuchen, alles gleichzeitig auf die Reihe zu kriegen. Es wäre so einfach gewesen. Den netten Studenten hinter ihr um Hilfe zu bitten. Die Taschen abzustellen, damit die Hände frei sind für die nächste Aufgabe. Oder aber: Die Peinlichkeit einfach durch ein charmantes Lächeln zu überspielen. Das Mädchen ärgerte sich über ihr eigenes Verhalten. Das weiß ich. Das kenn' ich. Doch statt sich einfach vorzunehmen, beim nächsten Mal gelassener zu reagieren, sagte sie bei sich:
"Das kann ich nicht. So bin ich nun mal nicht". 
  laceupwinter_web-34

Nummer zwei.

"Wie machst du das eigentlich alles?", fragte mich meine Freundin neulich bei einem Abendessen. Total ernsthaft. "Was meinst du?", entgegnete ich etwas verwirrt. "Na, das alles unter einen Hut zu kriegen. Dein Studium, die Arbeit, deine Vereine und jetzt auch noch deinen Blog. Ach ja: und deine Beziehung. Und gerade auch noch mich!" Zunächst wusste ich nicht, was ich darauf antworten sollte. Ich hätte natürlich etwas von Prioritäten, gutem Zeitmanagement und Co. herunterbeten können. Und definitiv ist da auch was dran. Aber in diesem Moment wusste ich, dass es ihr nicht darum ging, tatsächlich zu wissen, wie ich das alles regeln kann. Sie wollte in dem Moment keine Tipps für eine erfolgreiche Lebensplanung. In ihrer Stimme schwang eindeutig etwas anderes mit: Frustration. Und die Frage: "Warum schaffe ich das nicht?" Ich sah sie an. "Nun. Eigentlich ist das gar nicht so schwierig" , sagte ich. "Ich bin mir sicher, dass du das auch könntest. Oder vielmehr: Dass du es auch kannst!" Sie lachte laut. "Ich? Nein. Du bist diejenige, die immer alles hinkriegt. Ich scheitere schon, wenn ich nur zwei Dinge gleichzeitig erledigen soll.
Das kann ich nicht. So bin ich nun mal nicht!"
laceupwinter_web-2

Nummer drei.

"Los, ruf schon an", befahl ich ihm. "Wenn du jetzt nicht fragst, dann wirst du es nie erfahren!" "Die werden sich schon melden", bekam ich zur Antwort. Und so nahm die Diskussion ihren Lauf. In den darauffolgenden 5 Minuten erfuhr ich mindestens 22 Gründe, warum ein Anruf auf keinen Fall in Frage kam. Es spielt gerade keine Rolle, worum es sich bei besagtem Anruf handelte. Nur, dass er sich - obwohl er normalerweise sehr ungern diskutiert - plötzlich durch wilde Argumente schlängelte, die mir alle nur denkbaren Gründe aufzeigen sollte, warum ein direkter Anruf für ihn keine Option darstellte. Ich konnte das nicht verstehen. Und ich wurde sauer. "Was hast du zu verlieren? Es geht hier doch um dich. Man, ein Anruf kostet nichts. Es ist kein Heiratsantrag, nur eine simple Nachfrage!", herrschte ich ihn an.
"Das kann ich aber nicht. So bin ich nunmal nicht!"
Und damit war das Thema erledigt. laceupwinter_web-5

Du entscheidest, wie du sein willst. Jeden Tag.

Ich habe mich neulich gefragt, in welchem Alter wir damit aufhören, uns Dinge und Fähigkeiten zuzutrauen. Wenn ich an meine Kindheit denke, dann erinnere ich mich an eine Zeit, in der es die Option, etwas nicht auszuprobieren, schlicht nicht gab. Manchmal wünsche ich mir etwas von dieser kindlichen, sorgenfreien Denkweise zurück, in der "So bin ich nunmal nicht" nicht als universelles Argument in jeder persönlichen Diskussion gilt. Versteht mich da nicht falsch. Ich benutze es auch gerne. Und viel zu oft. Doch als ich neulich drüber nachdachte, kam mir wieder in den Sinn, dass ich grundsätzlich so eingestellt bin, mir viel zuzutrauen. Die drei Geschichten sollten eine kleine Anregung sein. Wie wären die Gespräche und Situationen wohl verlaufen, wenn die Charaktere sich weniger darum gekümmert hätten, was andere von ihnen denken? Weniger in ihren negativen Einstellungen festgesteckt und sich selbstsicher auf Neues eingelassen hätten? Ich weiß, wie schwierig es ist, von bestehenden Denkmustern abzuweichen, sich von festgefahrenen Einstellungen zu lösen. Besonders dann, wenn es um einen selbst geht. Sich plötzlich mehr zutrauen? Sich auf unbekanntes Terrain begeben? Niemals! Dabei steht doch eines fest: Du - und zwar nur du - entscheidest, wie du sein willst. Jeden Tag. Und diese Entscheidungsfreiheit sollte man sich wirklich öfter zu Nutzen machen. laceupwinter_web-4 laceupwinter_web-49laceupwinter_web-55laceupwinter_web-50laceupwinter_web-44 laceupwinter_web-11laceupwinter_web-55 laceupwinter_web-52 laceupwinter_web
Stories
vorheriger Artikel
Nächster Artikel

6 Comments

  • Reply
    Alena
    6. Februar 2017 at 18:18

    Also Jojo, jetzt mal abgesehen davon, dass du super schreiben kannst, finde ich den Beitrag einfach toll! Ich habe am Wochenende gerade erst ein ähnliches Thema abgetippt, weil ich mich momentan genauso fühle wie du es beschreibst in den drei Stories! Und danke für den Mut, den du mir damit gerade gemacht hast 😉

    Die Bilder sind übrigens wunderschön, bei dem letzten sind deine Augen total faszinierend !

    Liebste Grüße,
    Alena <3

    • Reply
      Jojo
      7. Februar 2017 at 20:37

      Alena, mich freut dein Kommentar so und dein Feedback noch mehr! Sehr gern geschehen natürlich 😉 Hihi. Vielen lieben Dank.

  • Reply
    Saskia
    6. Februar 2017 at 20:46

    Toller Text mit einer ganz wunderbaren Botschaft! 🙂 Ich glaube es ist einfach so schwierig aus seinen gewohnten Mustern auszubrechen, weil wir überall bestimmte Rollen haben. Ganz unbewusst. In der Freizeit, bei unseren Eltern, auf der Arbeit, in der Schule etc. Diese Rollen sind gar nicht immer schlecht, aber eben oft fixiert. Wir nehmen sich einfach an. Um so wichtiger finde ich deine Botschaft 🙂 Das wir eben jeden Tag selbst entscheiden können wer wir sein wollen – wir müssen uns nur trauen!

    Und wirklich wirklich tolle Bilder! Ich hoffe du hast einen schönen Abend!
    Liebste Grüße ❤ Saskia | http://www.demwindentgegen.de

    • Reply
      Jojo
      7. Februar 2017 at 20:35

      Ich danke dir für dein tolles Kommentar, ich bin so froh, wenn meine Texte was erreichen! 🙂
      Lieben Dank.

  • Reply
    It's Evy
    7. Februar 2017 at 11:37

    Sehr schön geschrieben mit viel wahrem Inhalt! Man sollte sich selbst einfach öfter Dinge trauen und vor allem auch sich selbst mehr zutrauen <3
    Liebe Grüße
    Evy

    http://www.itsevy.com

    • Reply
      Jojo
      7. Februar 2017 at 20:34

      Genau das wollte ich damit sagen! Vielen lieben Dank <3

    Leave a Reply