Fernweh.

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Ich steh‘ am Gleis.

Warte. Völlig erwartungslos. Emotionslos.

Und als sich für einen Moment die Sonne einen Weg durch die dicke, graue Wolkendecke bahnt und mich auf der Nasenspitze kitzelt, da überrascht es mich plötzlich.

Fernweh. 

Wir Menschen sind doch gewissermaßen alle aus dem gleichen Holz geschnitzt.

Wir wollen immer das, was wir nicht haben können.

Wenn wir Locken haben, sehnen wir uns nach glatten Haare.

Sind wir super schlank, bewundern wir weibliche Kurven.

Sind wir Dauerreisende, sehnen wir uns nach Heimat.

Und wenn wir das Gefühl haben, festzustecken, dann sehnen wir uns nach der Ferne.

Obwohl wir alle unterschiedlich sind, so glaube ich doch, dass sich ein jeder schon mal im überwältigenden Gefühl der Sehnsucht nach einem fernen, unbekannten Ort wiedergefunden hat.

 

Fernweh.

Als ich neulich am Bahnhofsgleis stand, dachte ich darüber nach.

Fernweh – was soll das eigentlich sein? Wonach genau sehnen wir uns, wenn wir dieses „Fernweh“ verspüren?

Ist es tatsächlich eine Sehnsucht nach fernen Ländern, anderen Kulturen und fremden Menschen?

Oder ist es die Lust auf Abenteuer, auf Flucht, auf ein Entkommen des Alltagstrotts?

Ist es vielleicht sogar einfach die Sucht nach Unbekanntem, der Trieb unseres Erfindergeistes und unsere unbändige, unermüdliche Neugier?

Möglicherweise ist es sogar noch viel einfacher als das. Gleichzeitig aber auch viel komplizierter.

Denn ich glaube, dass Fernweh auch dann auftreten kann, wenn man mit seinem aktuellen Aufenthaltsort, mit seinem Wohnort zufrieden ist. Dass Fernweh nicht zwingend an eine Örtlichkeit gebunden ist.

Ich glaube, dass Fernweh vor allem in unserem Innern sitzt. Es ist der Schmerz, den wir verspüren, wenn wir uns nach Veränderung sehnen. Ob im Kleinem, im Großen, ob laute oder leise Veränderung.

Fernweh ist die Bezeichnung für etwas, was wir eigentlich nicht erklären können. Denn das, was fern ist, scheint uns wie magisch anzuziehen.

Das kann durchaus ein fremdes Land sein. Ein Ort, den wir von Bildern kennen und der sich so in unser Gehirn eingebrannt hat, dass wir an nichts anderes mehr denken können, als endlich dieses wundervolle Stückchen Erde zu sehnen.

Es kann aber auch bedeuten, dass wir uns danach sehnen, einen Schritt zu wagen.
Einen Schritt ins Unbekannte – ein stückweit Selbstverwirklichung zu erreichen.

 

Also steh‘ ich am Gleis und warte.
Und wenn mich die Sonne auf der Nasenspitze küsst und in mir dieses Gefühl weckt – diesen Schmerz, dieses „Fernweh“ hervorzaubert, dann geb‘ ich mich ihm hin. Drehe mich einmal um mich selbst, um mich zu vergewissern, dass ich wach bin.
Lächle.
Und steige in den Zug.
Dieses Mal voller Erwartungen. Und glücklich.

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Fotos von und mit Alena K. von lookslikeperfect.net

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1 Comment

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    Sarah
    8. Mai 2017 at 14:53

    Über Fernweh könnte ich mich auch stundenlang unterhalten, denn es ist quasi ein Dauerzustand in mir. Bei mir ist es auf jeden Fall ei Gefühl der Sehnsucht nach etwas Neuem, nach einem Ort an dem ich glücklich sein kann und leben kann wie ich es mir vorstelle. Vielleicht liegt es daran, dass ich nicht glücklich bin, wo ich gerade bin. Ich liebe das Gefühl an einem Ort zu sein, an dem mich niemand kennt und alles so spannend und aufregend ist. Es gibt so viele Orte auf dieser Welt und irgendwas reizt mich dieser Gedanke.

    Schöner Beitrag 🙂

    Xx Sarah von
    http://www.wonderlandblog.de

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