Zufriedenheit ist kein Privileg

by Jojo

Ich hab‘ in letzter Zeit viel darüber nachgedacht, was Zufriedenheit eigentlich für mich bedeutet. 

Man kriegt ja so einiges mit. Auf Instagram, Blogs, Social Media im Allgemeinen.

Jeder macht grade Social Detox, weil er die Perfektheit im Netz nicht erträgt. Jeder redet über’s Glücklich sein oder zumindest darüber, wie man glücklich werden kann. Nämlich dadurch – so lautet das Urteil der breiten Masse – dass man sich nicht von der heilen Insta-Welt oder dem Schein-Sein der Influencer beeinflussen lässt, hin und wieder „offline“ geht und den Hahstag #fürmehrrealitätaufinstagram für die gewisse Portion Authentizität immer wieder einfließen lässt.  

Aha.

Und vor allem bin ich ein Mensch, dessen Zufriedenheitsgrad nicht davon abhängt, wie viele Influencer gerade auf Bali Yoga machen oder mit sich mit ihrem PR-Sample-Bikini am Strand von Santorini bräunen.

Ich will eins sagen: Ich hasse diese Influencer-Kritiken, bin genervt von Menschen, die die „Szene“ ständig auseinandernehmen, weil es kaum andere Themen gibt, die so stark polarisieren. Ich hasse es, dass jeder jetzt ein Urteil über eine Berufsgruppe hat, die Ergebnis einer Entwicklung der letzten Jahre ist.

 

Aber am allermeisten stört es mich, dass jeder Zufriedenheit neuerdings darüber definiert, wie gut man darin ist, sich von all dem nicht beeindrucken zu lassen, sich zu distanzieren: Das Abstand-Nehmen von den Influencern der sozialen Medien ist also Garant dafür, endlich wieder zufrieden und glücklich sein zu können? Weil der Druck, den sie mit ihrem ach-so-perfekten-Lifestyle aufbauen, einfach zu hoch ist? Sind also all die Einflüsse aus dem Netz Schuld an unseren negativen Gefühlen, an unserem Eindruck, dass wir in einem ständigen Defizit leben? Ich weiß ja nicht. 

 

Ich wollte nie über dieses Thema schreiben. Aus einem einfachen Grund: Ich liebe die digitale Welt, die entstanden ist.  Und ich liebe Instagram, lasse mich gerne von Influencern „influencen“, bin pinterest-süchtig und kaufe Produkte, die mir auf Instagram und Co. empfohlen wurden. Jetzt tu ich’s doch. Weil ich noch immer eine mündige Person mit Gehirn, Augen und Mund bin, die in der Lage ist, Eindrücke zu selektieren und nur das zu konsumieren, worauf sie gerade Lust hat. Ich bin eine eigenständige Frau, die mitdenkt und beurteilen kann, was gerade angebracht oder zu viel ist, was in meinen Augen authentisch ist und was ich als “gestellt” empfinde. Ich bin jemand, der entscheiden kann, wann er sein Handy zur Rate zieht und Instagram öffnet. Und vor allem bin ich ein Mensch, dessen Zufriedenheitsgrad nicht davon abhängt, wie viele Influencer gerade auf Bali Yoga machen oder mit sich mit ihrem PR-Sample-Bikini am Strand von Santorini bräunen.

Vielleicht klingt das gerade total hart oder überspitzt und nach eben jener Kritik, die ich doch ein paar Zeilen zuvor noch so scharf abgelehnt habe. Das tu‘ ich auch nach wie vor. Ich finde es nicht richtig, andere dafür zu kritisieren, weil sie ein Leben leben (oder schlicht vorgeben eines zu leben), das mir erstrebenswert erscheint und mir perfekt vorkommt. Denn in letzter Konsequenz liegt es doch an mir selbst, welche Aktivitäten, Urlaube, welches Konsumverhalten und welche Alltags- und Freizeitgestaltung ich als nachahmungswürdig empfinde und mir tagtäglich “reinziehe”.

Darf man den „Fake“  kritisieren, wenn man ihn eigentlich heimlich in den Himmel lobt?

Ich möchte folgende Gedanken dazu gerne mit euch teilen (und zur Diskussion stellen):

1. Offline-Zeit ist gut für mich, weil sie sich auf mich bezieht. Nicht auf die Menschen im Netz.

Ich finde den Gedanken des ab und an “Offline-Gehens” total gut. Das tue ich wirklich gerne hin und wieder, aber meistens entsteht es einfach so, ohne, dass ich es vorher plane. Wenn andere Lebensbereiche einfach gerade mehr Aufmerksamkeit von mir verlangen, dann gebe ich dem nach. Ich gehe also nicht offline, um mich von einer Welt zu distanzieren, die ich mir tagtäglich bewusst reinziehe, wohlwissend, dass Vieles dort nicht der Realität entspricht. Ich gehe nicht offline, weil ich das Gefühl habe, dass ich mir Influencer XY nicht mehr anschauen kann, weshalb mir immer wieder vor Augen geführt wird, wie “kläglich und schrecklich einfach” mein eigenes Leben doch ist.  Nein. Ich gehe offline, weil ich Zeit für andere Dinge aufwenden will, mentale Ruhe brauche, ein Buch lesen will oder weil ich schlicht anderes zu tun hab. Ich gehe offline, wenn ich will. Und eigentlich – fällt mit gerade mal so auf – muss man das auch gar nicht immer so arg thematisieren. Man kann es einfach tun, oder? 

Ich will also sagen: Wenn ich bestimmte Dinge nicht sehen und ertragen kann, dann schau ich mir sie nicht an, weil ich völlig frei bin, zu konsumieren, was ich konsumieren möchte. 
Mir gefällt einfach der Gedanke nicht, dass wir nur noch von Social Detox sprechen, um damit unsere absolute Abhängigkeit von negativen Einflüssen zu deklarieren. Und somit wird Zufriedenheit etwas, das wir nur noch erreichen können, indem wir den Stecker ziehen, um uns endlich von unserer (heimlich doch heißgeliebten) Scheinwelt zu distanzieren. Wäre es nicht besser, wir wären in der Lage, schon vorher zu selektieren, was uns gut tut? 

 

 

2. Ich urteile nicht darüber, was "Fake" und was "authentisch" ist. Ich entscheide es für mich persönlich.

Urteilen – das ist letztendlich etwas völlig Normales. Etwas oder jemanden zu beurteilen wird uns ja schon in der Schule beigebracht. Aber nicht immer sind öffentliche Urteile angebracht oder erwünscht. Nicht immer ist es wichtig, dass man kund tut, was man von jemandem hält. Denn ich kann mir sicher sein: Es gibt immer einen Menschen, der das ganz anders sieht als ich. 

“Darf man den Fake kritisieren, wenn man ihn eigentlich in den Himmel lobt?” 

Das frag’ ich mich immer wieder. Denn bei aller Kritik, die Influencer dieser Tage ernten, scheint es doch die große und breite Masse irgendwie zu abzufeiern, was sie so treiben. Und das ist okay. Ich finde nicht, dass es mir zusteht, über Influencer-Awards (um mal ein aktuelles Beispiel zu bringen) zu urteilen, wenn es doch anscheinend genug Menschen gibt, die dem Ganzen irgendwas abgewinnen können (ich tu’s nicht). Natürlich darf ich Kritik üben und für mich persönlich entscheiden, dass mir das nichts ist und dass ich mich davon distanziere. Aber verurteilen? Sich immer und überall darüber aufregen und damit das eigene Gemüt belasten? 

 

3. Zufriedenheit ist kein Privileg.

Mein Zufriendeheitsgrad ist nicht davon abhängig, wie andere ihr Leben führen, sondern allein von mir, meine Entscheidungen und meiner ganz individuellen Situation.  Er ist nicht davon abhängig, was ich im Unterschied zu anderen nicht habe, sondern davon, was ich bin, was mich erfüllt. Zufriedenheit ist ein Prozess, kein Zustand. Und vor allem: Zufriedendeheit ist kein Privileg. Sie ist nicht denen vorbehalten, die besonders gut darin sind, vorzugeben, ein perfektes Leben zu führen. Denn diese Leute struggeln genauso wie du oder ich. Aber das limitiert dich ja nicht. 
Zufriedenheit ist niemandem vorbehalten. 

Das sollen keine “Vorschriften” sein – nur geteilte Gedanken.  Und ich verstehe auch, dass es für Viele vielleicht nicht so einfach ist, bestimmte Dinge einfach auszublenden. Ich übe das auch noch. Jeden Tag auf’s Neue (wie du z.B. hier lesen kannst).  Wir sehen ja an der ganz jungen Generation, wie schwierig es für sie wohl sein mag, mit diesem sozialen Druck umzugehen. Aber – wenn ich eben so laut darüber nachdenke, wie ich es auf dem Blog nun mal gerne tue und mich in erster Linie an meine erwachsenen Leserinnen richte, dann wünsche ich mir einfach etwas mehr Selbstvertrauen und weniger Opfer-Haltung. Etwas mehr Mut, die eigene Meinung zu äußern, gleichzeitig etwas weniger Zeigefinger-Moralapostel-Mentalität.  Vielleicht einfach mehr Stärke und der Glaube daran, dass unsere innere Zufriedenheit niemals vom Lebensinhalt anderer abhängig sein sollte. 

Ich weiß, das ist leichter gesagt als getan. Aber machbar. 

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2 Kommentare

Sarah von Fashion-Library 15. Juni 2018 - 20:03

Wow. Der Text hatte ähnlich auch von mir stammen können. Gute Gedanken hast du da ausgeführt. Du sagst es ganz richtig, Influencer ist ein Beruf der sich nach den Topmodels entwickelt hat. Die gab es vor Heidi, Claudia und Eva vorher auch nicht und es wurde geredet. Heute ist es ein anerkannter Beruf und wir sehen nur den Glanz, nicht die Arbeit dahinter. Bei den Influencern ist es doch das gleiche. Ich mit meiner Mini-Followerzahl auf Instagram reisse mir den Arsch auf und ich komme trotzdem nicht weiter. Dann sehe ich andere große Profile und frage mich, was die anders machen. Schnell kommt Neid auf. Plötzlich ist einem alles zu viel. Doch dann stelle ich mir die Frage: ” Mit wem vergleichst du dich da gerade eigentlich?” Und schnell stelle ich fest, dass ich als 31 jährige Mama mit Intelligenz und Lebenserfahrung mich nicht schämen muss und mich nicht mit Studentinnen, die noch bei Mama wohnen messen muss. Wie sind zwei Ligen. Deswegen stimmt es auch, wenn du sagst, man bestimme selbst was man konsumiert und wieviel. Das wahre Leben hinter dem Social Media ist das, worauf es ankommt. Wenn dort der Fokus liegt, brauch ich auch kein Digital Detox und kann trotzdem regelmäßig mit Freuden die schöne digitale Welt beobachten.

Liebe Grüße und sorry für den langen Text
Sarah von Fashion-Library

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Jojo 15. Juni 2018 - 21:41

Ich freu’ mich doch über den langen Kommentar. 🙂 Sehr schön, dass du es ähnlich siehst!

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